Qualitative Forschung und Grounded Theory

Qualitative und quantitative Forschung

Empirische Forschung arbeitet nach quantitativen oder qualitativen Verfahren. Quantitative Forschung nutzt statistische Mittel oder andere Arten der Quantifizierung und untersucht zahlenmäßige Ausprägungen von Merkmalen, um eine Aussage über den Forschungsgegenstand zu treffen. Im Vergleich zu quantitativen Ansätzen zeichnen sich qualitative Methoden durch wesentlich größere Flexibilität und Offenheit aus.

Während bei quantitativen Verfahren ein möglichst repräsentatives Sampling und Fragen an den Forschungsgegenstand schon in einem frühen Stadium festgelegt werden, stellt sich der qualitative Forschungsprozess prinzipiell offen dar und kann als Dialog der Forschungsperson mit dem Forschungsgegenstand verstanden werden, in dem „immer wieder neu Fragen an die Wirklichkeit gestellt werden“ (Krotz 2005: 137) und die Erhebung von Daten und ihre Interpretation in einem zirkulären Prozess zusammenspielen (vgl. ebd.). Das methodische Vorgehen quantitativer Forschung kann somit im Verlauf der Untersuchung auf Grundlage von gewonnenen Erkenntnissen an den Untersuchungsgegenstand angepasst werden. Durch eine vergleichsweise offene Befragung kann dadurch ein tendenziell tieferer Informationsgehalt ermittelt werden als dies bei quantitativer Forschung möglich ist.

Grounded Theory

Entwickelt wurde die Grounded Theory von Barney Glaser und Anselm Strauss (1967) mit der Motivation, dem in der damaligen sozial­wissenschaftlichen Forschungspraxis verbreiteten quantitativen Vorgehen eine qualitative Methode entgegenzusetzen, die keine Hypothesen­überprüfung, sondern vor allem die gegenstandsnahe Entwicklung von Theorien mittels empirischer Schritte zum Ziel hat (vgl. Krotz 2005: 161f.).

Wie Strauss und Corbin (vgl. 1996: 149) bemerken, ziele „alle Verfahren der Grounded Theory [...] auf das Identifizieren, Entwickeln und Inbeziehungsetzen von Konzepten ab“ (Strauss/Corbin 1996: 149).

Der Forschungsprozess der Grounded Theory

Die Grounded Theory vereint verschiedene Verfahren in einem zirkulären Foschungsprozess (vgl. Krotz 2006: 168-179). Dies lässt sich im einzelnen in die folgenden Verfahren einteilen:

Zunächst werden Daten offen erhoben, d.h. es erfolgt eine Sichtung einer Vielzahl an Materialien.

Anschließend erfolgt die Kodierung der Daten, dessen Ziel zunächst in der Ermittlung von Bausteinen für die Entwicklung eines analytischen Modells besteht. Im Rahmen des offenen Kodierens werden die Materialien analysiert, um aus ihnen zunächst Konzepte zu entwickeln (vgl. Strauss/Corbin 1996: 44f.). Es werden dabei verschiedene Textbestandteile isoliert, die verschiedene Phänomene, Vorfälle, Ideen, Vorstellungen usw. benennen und das Material auf diese Weise in Sinneinheiten zerlegt. Strauss/Corbin (vgl. 1996: 50) unterscheiden dabei zwischen abstrakten Kodes und In-Vivo-Kodes; letztere stellen Konzepte dar, die im untersuchten Material selbst als Begriffe auftauchen.

Aus den so ermittelten Konzepten werden im Folgenden durch Klassifizierung, Zusammenfassung, Gruppierung, Verdichtung und weitere Abstraktion Kategorien entwickelt. Zu den einzelnen Kategorien können im weiteren Eigenschaften ermittelt werden und die Beziehungen der Kategorien zueinander untersucht werden.

Wenn die Grounded Theory zur Theoriefindung genutzt wird, werden außerdem noch die beiden Verfahren des axialen und selektiven Kodierens vollzogen. Ziel des axialen Kodierens ist nicht die Rekonstruktion der Ordnung, die im Auswertungsmaterial im Hinblick auf den Untersuchungsgegenstand hergestellt wird, sondern die Annäherung an die Ordnung des Forschungsgegenstandes selbst (vgl. Krotz 2005: 183).

Strauss/Corbin (1996: 149) sprechen von auch „bestätigter theoretischer Relevanz“, wenn aus dem Material Konzepte ermittelt werden, die „wiederholt auftauchen oder ganz offensichtlich abwesend sind“ und durch das Kodierverfahren der Grounded Theory „den Status von Kategorien erwerben“.

Die Grounded Theory stellt eine Reihe von Hilfsmitteln für den Kodierungsprozess zur Verfügung. Strauss/Corbin (1996: 57-69) empfehlen, Fragen an das Material zu stellen, etwa: Was geschieht im Text? Welches Phänomen wird beschrieben? Wie wird es formuliert? Was könnte es bedeuten? Welche Begründungen werden gegeben? Antworten auf solche oder ähnliche Frage können dabei helfen, geeignete Kategorien zu entwickeln.

Zentral ist das Prinzip der Offenheit und Zirkularität dieser Verfahren, also der ständige Wechsel zwischen Datenerhebung und ihrer Analyse. Die entwickelten Konzepte und Kategorien werden immer wieder am Material überprüft und ggf. erweitert oder abgeändert. Im Rahmen des theoriegeleiteten Samplings ist auch ein Hinzuziehen neuen Materials möglich, um das Kategorienrepertoire auszubauen (vgl. Strauss/Corbin 1996: 159).

Theoriegeleitetes Sampling

Der englische Begriff „theoretical sampling“ verweist nicht, wie die häufig vorgefundene deutsche Übersetzung „theoriegeleitetes Sampling“ suggerieren mag, darauf, dass eine bereits bestehende und Anwendung findende Theorie die alleinige Grundlage des Samplings ist. Stattdessen soll mit diesem Begriff das Ziel einer Theoriebildung über den Gegenstand betont werden. Das Sampling erfolgt bei der Grounded Theory nicht auf Basis statistischer Repräsentativität zur Überprüfung einer bestehenden Theorie, sondern unter dem Kriterium, ob das Datenmaterial neues Wissen über den Untersuchungs­gegenstand liefern kann, das als relevant erachtet wird (vgl. Strauss/Corbin 1996: 53; Deacon et al. 1999: 52).

Da dies grundsätzlich mit sich bringen kann, eine unbegrenzte Menge an Untersuchungsmaterial heranziehen zu müssen, bietet sich im Rahmen des theoriegeleiteten Samplings die Möglichkeit, den zu untersuchenden Datenkorpus, sofern nicht ohnehin schon durch die Fragestellung bedingt, begründet einzuschränken, indem Kriterien festgelegt werden, unter denen eine Auswahl im Hinblick auf das Forschungsziel erfolgen kann (vgl. Flick 2007: 159f.).

Theoriegeleitetheit verweist also einerseits auf das Ziel des Samplings in der Grounded Theory (der Theoriebildung oder des konzeptionellen Ordnens), andererseits wird das Sampling dabei als Prozess der Auswahl nach nach reflektierten Kriterien (vgl. Keller 2007: 86) verstanden.

Literatur

Deacon, D./Pickering, M./Golding, P./Murdock, G. (1999): Researching Communications. A Practical Guide to Methods in Media and Cultural Analysis. London: Hodder Arnold. Flick, Uwe (2007): Qualitative Sozialforschung. Eine Einfühung. Reinbek bei Hamburg: Rowolth. Keller, Reiner (2007): Diskursforschung. Eine Einfuhrung für Sozialwissenschaftlerlnnen. 3., aktualisierte Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. Krotz, Friedrich (2005): Neue Theorien entwickeln. Eine Einführung in die Grounded Theory, die Heuristische Sozialforschung und die Ethnographie anhand von Beispielen aus der Kommunikationsforschung. Köln: Halem. Krotz, Friedrich (2006): Konnektivität der Medien: Konzepte, Bedingungen und Konsequenzen. In: Hepp, Andreas/Krotz, Friedrich/Moores, Shaun/Winter, Carsten: Netzwerk, Konnektivität und Fluss. Konzepte gegenwärtiger Medien-, Kommunikations- und Kulturtheorie. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 21-41 Strauss, Anselm/Corbin, Juliet (1996): Grounded Theory: Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Weinheim: Beltz/Psychologie Verlags Union.
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