Informations-, Netzwerk- und Wissensgesellschaft

Nachindustrielle Gesellschaft und Informationsgesellschaft

Daniel Bell postulierte in den Siebzigerjahren das Aufkommen einer nachindustriellen Gesellschaft (vgl. Bell 1973), später bezeichnete er diese auch als Informationsgesellschaft (vgl. Bell 1980). Seine Kernthese besteht darin, dass nicht mehr die für das Industriezeitalter konstitutiven Elemente Energie und Maschinen, sondern Wissen und Information die bestimmenden strategischen Ressourcen der nachindustriellen Gesellschaft seien, in der die technische Entwicklung in der Mikroelektronik eine entscheidende Rolle spiele. Die Bedeutung von industrieller Güterproduktion und fertigendem Gewerbe nehme ab, parallel bilde sich eine informations- und wissensbasierte Dienstleistungsgesellschaft heraus (vgl. Bell 1973).

Netzwerkgesellschaft

Manuel Castells führte Mitte der Neunzigerjahre den Begriff der Netzwerkgesellschaft ein (vgl. Castells 2000 [1996]). Auch bei Castells nimmt Information eine zentrale Rolle ein, er wählt aber im Gegensatz zu Bell den Begriff der informationellen Gesellschaft („informational society”, Castells 2000: 31) und hebt damit hervor, dass es sich nicht nur um eine Gesellschaft handele, in der schlicht mehr Informationen verarbeitet werden, sondern um eine Gesellschaft, in der eine spezifische, auf Netzwerken basierende Form der Organisation vorherrsche, in der Informationserzeugung, -verarbeitung und -übertragung aufgrund der neuen technischen Bedingungen die grundlegende Quelle von Produktivität und Macht darstelle (vgl. ebd.).

Castells bezeichnet die „informationstechnische Revolution“ als mindestens ebenso bedeutsam wie die industrielle Revolution im achtzehnten Jahrhundert, diagnostiziert einen Bruch hinsichtlich der materiellen Basis der Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft (vgl. ebd.: 30) und spricht von einem neuen technologischen Paradigma, das sich um Informationstechnologien etabliere (vgl. ebd.: 29).

Netzwerke seien aber keine rein technische Instanz, sondern würden gegen Ende des 20. Jahrhunderts zur vorherrschenden Form der sozialen, ökonomischen und kulturellen Organisation (vgl. ebd.: 28). Netzwerke, so Castells' Konzept, seien dynamisch, flexibel, offen, potenziell beliebig erweiterbar und in der Lage, Elemente bruchlos ein- und auszuschließen. Sie bildeten einen „Raum der Flüsse“, die den weiterhin bestehenden „Raum der Orte“ zwar nicht beseitigten oder ersetzten, aber weitreichend strukturierten und formten (vgl. Castells 2004: 146f.).

Phänomene wie globale Finanzmärkte und Medien, komplexe Produktionsbeziehungen und Managementprozesse, seien ohne den Raum der Flüsse, der Informationssysteme über weite Entfernungen miteinander verbinde, nicht denkbar. Castells weist aber darauf hin, dass Informationsnetze auf die materielle Basis des Raumes der Orte angewiesen seien, der die Infrastruktur (etwa Telekommunikations- und Transportnetze) für sie bereitstelle, verbinde und an bestimmten Orten konzentriere (vgl. ebd.).

Netzwerkökonomie

Die Netzwerkgesellschaft bringt laut Castells eine neue Form der Ökonomie hervor, die von ihm zuweilen als New Economy bezeichnet wird (vgl. Castells 2004) und sich seit Ende der Siebzigerjahre etabliert habe (vgl. Knoblauch 2005: 264). Castells führt drei Kennzeichen der Netzwerkökonomie an:

  1. Neues Wissen wird ständig genutzt, Prozesse der Produktion, des Managements und der Distribution zu optimieren, was wiederum die Produktion neuen Wissens beschleunigt, so dass die Produktivität der Produktion von Information und Wissen durch positive Rückkopplung ständig steigt (vgl. Castells 2004: 152).
  2. Wettbewerb findet innerhalb eines globalen, in sich verflochtenen Systems statt. Der Unterschied zu einer schon seit längerem existierenden weltweiten Ökonomie liege darin, dass Kerngebieten der Wirtschaft wie Kapitalmärkte, große multinationale Konzerne, Wissenschaften und Technologie heute eine weltweite, in Echtzeit vernetzte Einheit bildeten (vgl. ebd).
  3. Die Netzwerkökonomie ist von der Organisationsform des Netzwerkes abhängig und beruht auf ihr. Netzwerke seien dabei kein grundsätzlich neues Organisationsprinzip; neue Informationstechnologien erlaubten es allerdings, traditionelle Nachteile von Netzwerken gegenüber Hierarchien, wie etwa Probleme der Koordination ab einer gewissen Größe der Struktur, aufzuheben, und ermöglichten die dezentrale Steuerung auch komplexer Strukturen (vgl. ebd.: 153).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Castells' Netzwerkgesellschaft nicht durch eine größere Bedeutung von Wissen und Information gekennzeichnet ist, sondern durch die informationsbasierte Vernetzung.

Diskussion und Bewertung

Gegen Castells wird zuweilen ins Feld geführt, dass dieser einen Technikdeterminismus vertrete (vgl. etwa Webster 1995: 161f.). Castells selbst betrachtet Informationstechnologie allerdings nicht als bestimmend; er sieht in ihr vielmehr eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung sozialen Wandels:

„The Network Society is not produced by information technology. But without the Information Technology Revolution it could not be such a comprehensive, persuasive social form“ (Castells 2004: 148)

Nichtsdestotrotz nimmt Technik eine zentrale Rolle in Castells' Werk ein, und er bescheinigt ihr großes transformatorisches Potenzial (vgl. Castells 2000: 7).

Andere argumentieren, dass die „Information Revolution“ gar keine Revolution im Sinne eines plötzlichen Bruchs sei, sondern ein eher stetiger Prozess, der bis in die Frühphase des Kapitalismus zurückreiche (vgl. Robins/Webster 2004). Aus dieser Perspektive wird weniger die Rolle der Informationstechnik hervorgehoben, sondern die Geschichte des – unterschiedlichen und ungleichen – Zugriffs auf Informationen sowie ihre Verwendung für Mechanismen der Kontrolle, wie sie sich etwa bereits im Scientific Management und im Taylorismus manifestierten (vgl. ebd.).

Auch in der Frage der expliziten Bewertung werden unterschiedliche Positionen bezogen: Während Bell (vgl. 1973: 148f.) eine für die Gesellschaft begrüßenswerte Entwicklung diagnostiziert, in die Lebensqualität insgesamt gesteigert werden könne, sehen andere vor allem negative Aspekte und neue Mittel der Überwachung, Kontrolle, Machtausübung und Dominanz (vgl. Robins/Webster 2004: 65).

In jüngerer Zeit wurde häufig der Begriff der Wissensgesellschaft aufgegriffen (vgl. etwa Gerlof/Ulrich 2006, UNESCO 2005), im Zuge dessen nicht primär ökonomische und technische Prozesse, sondern der Mensch, soziales Handeln, kognitive Prozesse, inhaltliche Aspekte und die nicht-technische Seite von Information und Wissen in den Mittelpunkt gestellt werden (vgl. Kuhlen 2004: 86f., Knoblauch 2005: 267ff.).

Insbesondere wird, wie schon bei Daniel Bell, die Bedeutung wissenschaftlichen Wissens und Expertenwissens betont (vgl. Knoblauch 2005: 269). Neben der Wissenschaft wird allerdings auch hier weiterhin der Technik Bedeutung zugesprochen, etwa wenn Nico Stehr die Wissensgesellschaft wie folgt zusammenfasst:

„Evidently, science and technology are remaking our basic social institutions, for example, in such areas as work, education, physical reproduction, culture, the economy, and the political system“ (Stehr 1994: 9)

Die unterschiedlichen Schwerpunkte und Perspektiven dieser Ansätze zeigen, dass kein einheitliches Bild von einer Informations- oder Wissensgesellschaft vorliegt. So isoliert Webster (vgl. 1995: 7ff.) aus verschiedenen Theorien fünf verschiedene analytische Kategorien in Form von Definitionen von Informations­gesellschaft, die sich, wie er anmerkt, gegenseitig nicht notwendigerweise ausschließen müssen:

  1. die technische Definition
  2. die ökonomische Definition
  3. die berufsbezogene Definition
  4. die räumliche Definition
  5. die kulturelle Definition

Die technische Definition sei dabei die gebräuchlichste; ihre Prämisse sei, dass Informationsverarbeitung, -speicherung und -übertragung zur Anwendung von Informationstechniken in nahezu allen Bereichen der Gesellschaft geführt habe (vgl. ebd.).

Information und Wissen

Bemerkenswert ist, dass die jeweiligen Vorstellungen von Wissens- oder Informationsgesellschaft von teils erheblichen begrifflichen und methodischen Unschärfen begleitet sind, insbesondere bei grundlegenden Definitionen und Abgrenzungen und bei der Quantifizierung postulierter Phänomene und Entwicklungen (vgl. Kuhlen 2004: 83f., 157ff.; Knoblauch 2005: 260).

Unterschiede bestehen schon bei der Verwendung basaler Begriffe wie Information und Wissen, gelegentlich werden diese auch deckungsgleich und undifferenziert verwendet.

Ribeiro (1998) warnt dagegen vor einer Verwechslung von Information und Wissen und betrachtet letzteres als „Aneignung von Information durch ein historisches Subjekt“.

Daniel Bell (1973: 178) versteht unter Wissen in sich geordnete, durch ein vernünftiges Urteil erschlossene Aussagen oder Vorstellungen, die in einem Kommunikationsmedium übermittelt werden:

„a set of organized statements of facts or ideas, presenting a reasoned judgement or a experimental result, which is transmitted to others through some communication medium in some systematic form“

Bleicher (2001: 206) betrachtet Wissen als die „anwendungsorientierte Selektion von Information“, wobei Information „Rohmaterialien“ darstellten, „aus denen praxisrelevantes Wissen entstehen kann“. Auch Wilke (2002: 55) definiert Wissen unter Aspekten der Praxisrelevanz als „den auf Handlungsfähigkeit zielenden Einbau von Informationen in den Handlungskontext“.

Der Informationswissenschaftler Rainer Kuhlen schlägt ein umgekehrtes Verhältnis vor. Seine pragmatische Definition von Information stellt diese in den Kontext seiner Nutzung und Wirkung, demnach sei Information „Wissen in Aktion“ und „Wissen im Kontext“ (Kuhlen 2004: 162). Seine es als solche konstituierende pragmatische Eigenschaft erhalte Information erst durch seine mediale Repräsentation und die Beziehung von Wissen auf eine aktuelle Benutzungs- oder Bedarfssituation, etwa in Form von Neuigkeit, Validität oder Handlungsrelevanz (ebd.: 418). Information gründet sich damit auf Wissen, welches Kuhlen definiert als

„die Gesamtheit der zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem Menschen (übertragen auch auf Gruppen, Kulturen, Institutionen, Maschinen) vorhandene, als gesichert angenommene Aussagen über Objekte und Sachverhalte“ (Kuhlen 2004: 427)

Sowohl Bell als auch Kuhlen nehmen damit Abstand von einem traditionellen Verständnis von Wissen als Wahrheit im Sinne absoluter Gültigkeit und leiten es eher über seine Begründbarkeit her, wobei Kuhlen über Bells Kriterium der logischen oder empirische Begründbarkeit hinausgeht; seiner Ansicht nach ist Wissen auch kommunikativ – etwa in Form von Konsens – herstellbar (vgl. Kuhlen 2004: 427).

Vor allem die Wissenssoziologie hat es sich zur Aufgabe gemacht, Wissen im Hinblick auf seine gesellschaftliche Prägung zu betrachten, Beziehungen von Wissen, Vorstellungen und sozialen Strukturen und Prozessen in den Mittelpunkt zu stellen und Wissen im Kontext seiner Entstehung zu untersuchen (vgl. Kajetzke 2008: 28). So heben etwa Berger und Luckmann (vgl. 2007: 198) die Rolle von Wissen bei der Dialektik zwischen Individuum und Gesellschaft hervor.

Jenseits des Felds der Wissensoziologie im engeren Sinne thematisieren sowohl Pierre Bourdieu als auch Michel Foucault die Verbindung von Wissen und Macht, wobei beide unterschiedliche Perspektiven einnehmen.

Bourdieu thematisiert die ungleiche Verteilung von Wissen und die damit verbundene Handlungsmöglichkeiten von Akteuren und die Stabilisierung von Machtverhältnissen. Wissen ist zwar gesellschaftlich produziert, ist gleichzeitig aber auch an Akteure gebunden (über Inkorporierung, etwa in Form von Bildung oder Geschmack) – diese verfügen über Wissen als Ressource und setzen es im Kampf um weitere Ressourcen ein (vgl. Bourdieu 1999).

Im Mittelpunkt von Foucaults Untersuchungen stehen die Verbindung von Wissen und Macht und die Formierung von Subjekten (vgl. Kajetzke 2008: 78). Macht-Wissen-Strukturen können sich als Dispositive verfestigen und institutionalisieren. Wissen ist für Foucault in dem Sinne Wahrheit, als dass es das darstellt, was als wahr angesehen wird. Wissen bzw. Wahrheit stellt damit eine ausgehandelte Norm innerhalb einer bestimmten historischen Machtkonstellation dar (ebd.: 43). Im Vordergrund steht dabei weniger das Wissen, das ein Akteur erwirbt und über das er verfügt, sondern das Wissen, welches über Menschen angesammelt werden kann (ebd.: 38).

Festzuhalten ist, dass keine eindeutige Vorstellung von Wissen und Information vorliegt. Die Begriffe werden als solche von verschiedenen Disziplinen und Schulen in unterschiedlicher Art und Weise, mit verschiedenen Bedeutungen und mit unterschiedlichen Schwerpunkten verwendet. Eine genauere Klärung und Differenzierung soll und kann an dieser Stelle nicht weiter erfolgen; vermittelt werden soll lediglich ein Eindruck über die Vielschichtigkeit dieser sowohl in Wissenschaft und Alltag verbreiteten Begriffe. Aufgezeigt wurden zu diesem Zweck sowohl Unterscheidungen von Information und Wissen, ihre Verbindung mit menschlichem Handeln, Aspekte medialer Repräsentation, ihre gesellschaftliche Bedingtheit, ihre Verortung in Gesellschaft und Individuum sowie Bezüge zu Wahrheit und Macht.

Literatur

Bell, Daniel (1973): The Coming of Post-Industrial Society. New York: Basic Books. Bell, Daniel (1980): The Social Framework of the Information Society. In: Forester, T. (Hrsg.): The Microelectronics Revolution. Oxford: Blackwell, 500-549 Berger, Peter L./Luckmann, Thomas (2007): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. 21. Auflage, Frankfurt am Main: Fischer. Bleicher, Joan Kristin (2001): Die Rolle der Medien in der Wissensgesellschaft. In: Jürgen Berthel (Hrsg.): Auf dem Weg in die Wissensgesellschaft. Bourdieu, Pierre (1999): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. 11. Auflage, Frankfurt am Main: Suhrkamp. Castells, Manuel (2000): The Information Age: Economy, Society and Culture: The Rise of the Network Society. 2. Auflage, Band 1. Oxford: Blackwell. Castells, Manuel (2004) [1997]: An Introduction to the Information Age. In: Webster, Frank (2004) (Hrsg.): The Information Society Reader. Oxon: Routledge, 138-149 Castells, Manuel (2004) [2001]: The Information City, the New Economy, and the Network Society. In: Webster, Frank (2004) (Hrsg.): The Information Society Reader. Oxon: Routledge, 150-164 Gerlof, Karsten/Ulrich, Anne (2006) (Hrsg.): Die Verfasstheit der Wissensgesellschaft. Münster: Westfälisches Dampfboot. Kajetzke, Laura (2008): Wissen im Diskurs. Ein Theorievergleich zwischen Bourdieu und Foucault. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. Knoblauch, Hubert (2005): Wissenssoziologie. Konstanz: UVK. Kuhlen, Rainer (2004): Informationsethik. Konstanz: UVK. Ribeiro, Antonio S. (1998): Information oder Wissen? Die Kulturwissenschaften im digitalen Zeitalter. In: Trans - Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften 3/1998, online: http://www.inst.at/trans/3Nr/ribeiro.htm Robins, Kevin/Webster, Frank (2004) [1999]: The Long History of the Information Revolution. In: Webster, Frank (Hrsg.): The Information Society Reader. Oxon: Routledge, 62-80 UNESCO (2005): Towards Knowledge Societies. Paris. Online: http://www.unesco.org/en/worldreport Webster, Frank (1995): Theory of the Information Society. Oxon: Routledge. Wilke, Helmut (2002): Studien zur Krisis des Wissens in der modernen Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
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